Wie Führungskräfte den ersten Eindruck (Primancy Effekt) für sich nutzen können.
Von Christiane Freihold

Wie Führungskräfte den ersten Eindruck (Primacy-Effekt) für sich nutzen können

Es ist Leanders erster Tag im neuen Unternehmen. Er meldet sich bei der Rezeption und wartet 40 Minuten, bis eine sichtlich gestresste Frau ihn abholt und ihm erklärt, dass seine Chefin gerade im Urlaub sei und sein Kollege, der ihn einarbeiten soll, leider bis Ende der Woche krank. Sie bringt ihn in ein Büro, wo noch ein weiterer Kollege arbeitet, der aber eigentlich für ein anderes Projekt zuständig ist. Das neue Projektbüro sei noch in der Umbauphase. Übergangsweise könne er an dem Schreibtisch des erkrankten Kollegen sitzen. Der Kollege im Büro begrüßt ihn freundlich und gibt ihm erste Informationen über die Aufgabenfelder, entschuldigend teilt er ihm dann aber mit, dass er überhaupt keine Zeit habe, da sein Projekt in der „heißen“ Phase sei. Beim Versuch, sich selbstständig in das Computersystem einzuwählen, scheitert Leander. Er fragt sich zum Sekretariat durch, aber die Damen wissen nichts von seinen Zugangsdaten. Es könne sein, dass der Chef das noch vor seinem Urlaub in Auftrag gegeben habe, aber sie könnten jetzt nicht in seine Mails schauen. Leander verbringt den restlichen Tag damit, seinem Kollegen über die Schulter zu schauen und möglichst wenig zu stören…..  

Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck, dieses bekannte Sprichwort bringt die psychologische Wahrnehmungsverzerrung mit dem Namen „Primär-“ oder „Primacy-Effekt“ auf den Punkt. Eigentlich eine triviale Binsenweisheit – nicht wert, noch einmal in einem Blog Erwähnung zu finden? Und doch passieren oben genannte Situationen in deutschen Unternehmen immer wieder und führen zu Frustration, Motivationsverlust sowie fehlender Loyalität und Identifikation mit dem Unternehmen.

Der Primacy-Effekt

Als Primacy-Effekt bezeichnen psychologische Forscher*innen die Tatsache, dass Informationen, die wir ganz am Anfang erhalten, unsere Einstellung zu etwas stärker beeinflussen als die danach eingehenden Informationen. Ganz praktisch bedeutet das zum Beispiel: Verläuft ein erster Kontakt mit einem anderen Menschen positiv, werde ich eher eine positive Einstellung zu diesem Menschen behalten, als wenn die erste Begegnung unglücklich verlaufen ist, auch dann, wenn die Summe der positiven und negativen Begegnungen gleichbleiben würde. Diesen Effekt kann man wieder auf den Dissonanz-Effekt zurückführen, den ich in meinem Artikel „Raus aus der Blase“ beschrieben habe: Haben wir erstmal einen positiven Eindruck gewonnen, fällt es uns schwer, negative Informationen zu akzeptieren, da sie mit dem ersten Eindruck in Dissonanz stehen. Daher neigen wir dann dazu, die später hinzugekommenen Informationen weniger stark zu gewichten und bei unserer ursprünglichen Meinung zu bleiben.

Praktische Anwendung des Primacy-Effektes für Führungskräfte

Es gibt eine Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten für den Primacy-Effekt in Führungssituationen und obwohl dieser Effekt sehr bekannt ist, erlebe ich in der Praxis immer wieder, dass die positiven Effekte nicht genutzt und negative Effekte leichtfertig in Kauf genommen werden. Aus diesem Grund möchte ich im Folgenden einige Beispiele beschreiben, wie der Primacy-Effekt für eine positive Führungskultur genutzt werden kann.

Onboarding-Prozess von neuen Mitarbeitern

Zunächst einmal werde ich den Onboarding-Prozess für neue Mitarbeiter*innen betrachten, damit es nicht so endet wie im oberen Fallbeispiel von Leanders erstem Tag. Wie ist die Begrüßung gestaltet, wie verläuft der erste Tag, wie ist die Einarbeitung strukturiert, wie ist die organisatorische Vorbereitung?  In diesem Prozess kann viel schieflaufen und der erste Eindruck ist dann eher verunsichernd oder wenig wertschätzend.

Psychologischer Praxistipp

Ein positiver erster Eindruck führt zu einer ersten Identifikation und Bindung zum Unternehmen, das kann zum einen die Motivation positiv beeinflussen und zum anderen in stressigen Situationen auch als Schutz- oder Resilienzfaktor wirken. Ein gut durchdachter und standardisierter Onboarding-Prozess ist also eine gute Investition für eine erfolgreiche Mitarbeiterbindung.

Durchführung von Mitarbeitergesprächen

Ebenso kann man den Primacy-Effekt auf Gesprächssituationen übertragen. Beginnt ein Gespräch positiv, dann wird dieses Gespräch auch positiver in Erinnerung bleiben. Daher ist es empfehlenswert, sich am Anfang eines Gespräches Zeit zu nehmen, eine gute Atmosphäre herzustellen – sei es mit dem Anbieten eines Getränks, mit Small Talk über nichtberufliche Themen oder mit dem Erfragen der aktuellen Stimmung der Mitarbeiterin oder des Mitarbeiters. Ausnahmen bilden hierbei die Kritikgespräche, die ich in einem gesonderten Artikel bearbeiten werde. Hier empfiehlt es sich nicht, das Gespräch zu positiv zu beginnen, da es ansonsten schwierig ist, die Richtung zu wechseln oder der Gesprächsanfang als manipulativ oder unehrlich erlebt werden kann.

Gestaltung einer Tagesstruktur

Auch im Tagesablauf können wir den Primacy-Effekt für eine positive Atmosphäre nutzbar machen. Eine morgendliche Begrüßungsroutine kann zu einer positiven Stimmung beitragen und kann insgesamt die Arbeitszufriedenheit steigern.

Psychologischer Praxistipp

Überlegen Sie sich eine Begrüßungsroutine, die zu Ihnen, Ihrer Teamsituation und zu den Mitarbeiter*innen passt. Vielleicht ist es der klassische Rundgang mit einem Händedruck. Vielleicht ist es aber auch eher ein (virtuelles) Morgenmeeting, in dem jeder kurz zu Wort kommt. Wichtig ist, dass es nicht zu lange dauert und nicht aufgesetzt wirkt.

Der Primacy-Effekt in der Meetinggestaltung

Als letztes Beispiel möchte ich den Nutzen des Primacy-Effektes in der Meetinggestaltung beschreiben. Eine schöne Routine ist die sogenannte „CheckIn-Frage“, bei der in Form einer Blitzlichtrunde jede*r Teilnehmer*in mit einem kurzen Statement antworten kann. Fragen können sich auf die Arbeitssituation beziehen: „Welche Highlights könnt ihr gerade berichten? Was war in der letzten Woche eure lustigste Begegnung?“ Es kann sich aber auch auf persönliche Lebensbereiche beziehen: „Was ist ihr Lieblingsfilm, -buch, etc.?“

Das führt dazu, dass im Meeting eine positive Gesprächsatmosphäre und Vertrauen hergestellt und dadurch sachliche Themen oder Entscheidungsprozesse einfacher werden.

Dem Primacy-Effekt steht der Recency-Effekt gegenüber, der beschreibt, dass auch der letzte Eindruck entscheidend für die Wahrnehmung und Bewertung von Situationen oder Personen ist. Diesen Effekt und auch die praktische Nutzung für Führungskräfte werde ich nächste Woche beschreiben (siehe Wehe, Wehe, wenn ich auf das Ende sehe – der Recency-Effekt in der Führung).

Christiane Freihold
Christiane Freihold
Als Psychologin (Diplom) und systemische Beraterin mit Linien- und Beratungserfahrung in mittelständischen Unternehmen, Konzernen und Behörden möchte ich einen Beitrag dazu leisten, dass wir beruflich und privat neugierig aufeinander bleiben, uns gegenseitig besser verstehen, auf Bedürfnisse des Gegenübers angemessener reagieren und die Welt ein Stück fröhlicher und lebenswerter machen.