Wie Führungskräfte den Recency-Effekt nutzen können.
Von Christiane Freihold

Wehe, Wehe, wenn ich auf das Ende sehe – der Recency-Effekt in der Führung

„Das Gespräch mit meiner Chefin war gut – wir hatten alle wichtigen Themen besprochen und sie hatte mir Anerkennung zum erfolgreichen Projekt ausgesprochen. Auch mein Anliegen, zeitlich flexibler arbeiten zu wollen, konnte ich anbringen. Am Schluss fasste meine Chefin nochmal alle wichtigen Punkte zusammen. Gerade als sie mich fragte, ob ich einverstanden sei, klingelte ihr Handy. Sie schaute aufs Display, sagte zu mir „Oh, da muss ich rangehen, aber eigentlich waren wir ja auch fertig, oder?“ Ich nickte und verließ das Büro. Obwohl das Gespräch inhaltlich erfreulich verlaufen war, blieb ein unklares Gefühl zurück – ich hätte das Gespräch gerne zu Ende gebracht und mich für die gute Zusammenarbeit bedankt….“

Die Nutzungsmöglichkeiten des Primacy-Effektes für eine positive und effektive Führung habe ich letzte Woche beschrieben (siehe Wie Führungskräfte den ersten Eindruck (Primacy-Effekt) für sich nutzen können). Nun möchte ich auch den Recency-Effekt und seine praktische Anwendung beschreiben. In psychologischen Studien konnte festgestellt werden, dass nicht nur der erste Eindruck für die Bewertung einer Situation entscheidend ist, sondern auch die Ereignisse, die am Ende einer Situation passieren. Dieser Effekt konnte zwar in Studien nicht ganz so deutlich nachgewiesen werden wie der Primacy-Effekt, aber dennoch ist er für Führungskräfte gut nutzbar.

Offboarding – durch den Recency-Effekt die Mitarbeiterloyalität erhalten

Ebenso wie der Onboarding-Prozess als erster Eindruck in Erinnerung bleibt, tut das auch der letzte Eindruck eines Arbeitgebers beim Offboarding, also beim Verlassen eines Mitarbeiters. Wie wird mit einem Mitarbeiter umgegangen, wenn bekannt wird, dass er das Unternehmen verlässt? Wie wird der Wissenstransfer sichergestellt? Gibt es eine Abschlussfeier und wie ist sie gestaltet? Jetzt könnte jemand meinen, dass es bei einer Mitarbeiterin, die ausscheidet nicht mehr so entscheidend ist, wie sie das Unternehmen bewertet, aber das ist zu kurz gedacht.

Psychologischer Praxistipp

Eine Mitarbeiterin, die ein Unternehmen verlässt, kann immer noch eine Kundin bleiben oder eine Produkt-Werberin oder eine Multiplikatorin für neue Bewerber auf offene Stellen. Daher ist es wichtig, auch beim Vertragsende den Recency-Effekt zu beachten und den Offboarding-Prozess wertschätzend und positiv zu gestalten.

Der Recency- Effekt bei der Gesprächsführung

Auch bei der Gesprächsführung können Führungskräfte einen positiven Eindruck hinterlassen, indem sie zum Beispiel das Gespräch verbindlich beenden. Dazu eignen sich gemeinsame Absprachen und/oder Gesprächszusammenfassungen. Auch eine Wertschätzung der generellen Zusammenarbeit passt gut an das Gesprächsende.

Meetinggestaltung – auf das Ende kommt es an

Ähnlich wie bei der Gesprächsführung geht es in einem Meeting am Ende auch oft um die Verbindlichkeit der gemeinsam erarbeiteten Ergebnisse, denn hier entscheidet sich, ob sich die Teilnahme für einen Mitarbeiter gelohnt hat oder nicht.

Psychologischer Praxistipp

Es gibt mehrere Möglichkeiten, ein Meeting positiv zum Ende zu bringen: Rückblickend kann geschaut werden, wer welche To-dos mitnimmt, es kann eine Abschlussrunde durchlaufen werden, in der jeder inhaltlich noch einmal Kernaussagen zusammenfasst oder ein Blitzlicht, in dem alle Teilnehmenden ganz kurz ihre Stimmung mitteilen.

Darüber hinaus ist es in Meetings immer positiv, wenn die vorgesehene Zeit eingehalten wird. Bevor Themen hektisch mit zu kurzen zeitlichen Ressourcen abgearbeitet werden, vereinbart man lieber mit den Teilnehmer*innen einen weiteren Termin.

Projektabschlüsse – mit dem Recency-Effekt die Projektmotivation erhöhen

Auch bei Projekten ist es ratsam, ein gutes Ende zu finden. Gerne kann der Projekterfolg auch gebührend gefeiert werden. Hierbei sollte man sich gut überlegen, mit welcher Zielgruppe und in welchem Rahmen die Feierlichkeiten stattfinden sollen. Und auch wenn nicht gefeiert werden kann oder soll, ist es wichtig, ein Projekt offiziell zum Ende zu bringen. Das bündelt und priorisiert noch einmal die Energie für den Projektabschluss und die Projektergebnisse werden sichtbar gemacht – ein wahrer Motivationsschub im Sinne der positiven Selbstwirksamkeit.

Psychologischer Praxistipp

Mitarbeiter*innen, die ihre Projektmitarbeit rückblickend positiv bewerten, werden bei einem neuen Projekt eher bereit sein teilzunehmen als Mitarbeiter*innen, die ihre Projektarbeit negativer bewerten. Aus diesem Grund kann ein gelungener Projektabschluss eine Werbeveranstaltung für das nächste Projektteam sein.

Egal ob es nur ein kurzes Gespräch ist oder eine langjährige Zusammenarbeit – der letzte Moment bleibt besonders im Gedächtnis und prägt die Bewertung der aktuellen Situation entscheidend. So ist der bewusste Fokus auf ein positiv gestaltetes Ende eine gute Investition in die Zukunft.

Christiane Freihold
Christiane Freihold
Als Psychologin (Diplom) und systemische Beraterin mit Linien- und Beratungserfahrung in mittelständischen Unternehmen, Konzernen und Behörden möchte ich einen Beitrag dazu leisten, dass wir beruflich und privat neugierig aufeinander bleiben, uns gegenseitig besser verstehen, auf Bedürfnisse des Gegenübers angemessener reagieren und die Welt ein Stück fröhlicher und lebenswerter machen.